Georg Kell: „Die Finanzwelt muss weiter aufholen”

Kai Baum für Verantwortung-magazin.de

Bildquelle: thinkstock-iStock-Zapp2Photo

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MIT BIG DATA UND KÜNSTLICHER INTELLIGENZ MÖCHTE EIN PIONIER DER NACHHALTIGKEITSWELT DEN FINANZSEKTOR REVOLUTIONIEREN

Als Gründer des Global Compacts hat sich Georg Kell an der Finanzbranche lange die Zähne ausgebissen. Was sein Seitenwechsel mit der Datenrevolution zu tun hat, erklärt der Chairman of the Board von Arabesque und Sprecher des Nachhaltigkeitsbeirats von VW im exklusiven VERANTWORTUNG-Interview.

ZUR PERSON:

Georg Kell hat für die Vereinten Nationen das Unternehmensnetzwerk Global Compact (UNGC) aufgebaut. Mit der Teilnahme am UNGC erklärt ein Unternehmen seinen Willen, sich darum zu bemühen, in Zukunft bestimmte soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten. Dazu hat der UNGC seine Grundsätze in zehn Prinzipien gefasst. 2015 erklärte Kell nach 25 Jahren seinen Rückzug aus dem UNGC und schloss sich dem Assetmanagementunternehmen Arabesque an, dessen Chairman of the Board er seit diesem Sommer ist. Kell ist zudem Sprecher des internationalen Nachhaltigkeitsbeirats von Volkswagen (VW), den der Automobilhersteller ein Jahr nach Bekanntwerden des Dieselskandals initiierte.

Herr Kell, den UNGC aufzubauen war im vergangenen Jahrzehnt sicherlich eine der reizvollsten Aufgaben in der Nachhaltigkeitswelt. Welche Ihrer beiden aktuellen Aufgaben ist reizvoller, nachhaltiger Vermögensverwalter oder oberster Nachhaltigkeitsaufseher eines angeschlagenen Weltkonzerns?

Das kann man so nicht gegeneinander aufwiegen. Arabesque ist als nachhaltiger Investor für mich der große Beschleuniger für nachhaltiges Unternehmertum. Die Zukunft der Nachhaltigkeitsbewegung wird ganz maßgeblich davon abhängen, wie sehr die Finanzwelt die Bemühungen der Unternehmen erkennt und honoriert. Ich bin ziemlich optimistisch, dass es durch die Quantifizierung nichtfinanzieller Kennzahlen in den Bereichen Environment, Social und Governance (ESG) immer besser gelingt, den Nachhaltigkeitsansatz im Portfolio zu berücksichtigen. 

Bildquelle: Arabesque

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VW-NACHHALTIGKEITSBEIRAT

Der Volkswagenkonzern hat im September 2016 einen internationalen Nachhaltigkeitsbeirat berufen. Die neun Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft beraten die Volkswagen AG, den Konzernvorstand und die Konzernmarken bei den Themen nachhaltige Mobilität, Umweltschutz, gesellschaftliche Verantwortung sowie Integrität, Zukunft der Arbeit und Digitalisierung. Sie sollen unabhängig agieren, sind nicht weisungsgebunden und mit weitgehenden Informations-, Konsultations- und Initiativrechten ausgestattet. In der konstituierenden Sitzung im Oktober 2016 wurde Georg Kell zum Sprecher ernannt. Die weiteren Mitglieder sind Professor Ottmar Edenhofer, stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Connie Hedegaard, ehemalige EU-Kommissarin für Klimaschutz, Designforscherin Gesche Joost, Professorin an der Universität der Künste in Berlin, Yves Leterme, ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der OECD und ehemaliger Premierminister von Belgien, Professorin Gertrude Lübbe-Wolff, ehemalige Richterin am Bundesverfassungsgericht, Margo T. Oge, ehemalige Direktorin Transportation Air Quality, US Environmental Protection Agency (EPA), Michael Sommer, ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), und Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Rotkreuz-Rothalbmond-Föderation (IFRC). 


Ganz so positiv steht VW nicht da. Die Wolfsburger haben im Dieselskandal viel Geld und Ansehen verloren. Der UNGC hat den öffentlichen Druck ebenfalls erhöht, indem er VW früh nach Bekanntwerden des Skandals ausgelistet hat. Wann kommt es zu einem Ausschluss?

Der UNGC ist eine Lernplattform, die Unternehmen dabei unterstützen soll, ihre nachhaltige Unternehmensführung zu verbessern. Wenn Firmen jedoch grobe Nachlässigkeit oder Fehlverhalten an den Tag legen, liegt die Mitgliedschaft auf Eis, bis der Sachverhalt vollständig aufgeklärt ist. Es war also ein Standardprozess, VW nach Bekanntwerden der Vorfälle auszuschließen. Aus Krisen wie jetzt bei VW geht immer entweder Asche und Zerstörung oder eine völlige Verjüngung und Erneuerung hervor. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Firmen lernen auf zweierlei Weise: Entweder sie tun es graduell durch Vernunft in kleinen Schritten, oder sie lernen in Krisensituationen, in denen sie die Richtung wechseln und einen echten Neuanfang machen.

Wie bewerten Sie denn den Erneuerungswillen bei VW im Speziellen und in der deutschen Automobilindustrie im Allgemeinen?

Es steht außer Frage, dass der Erneuerungsprozess jetzt beschleunigt werden muss. Im Fall Volkswagen besteht ganz klar die Notwendigkeit, aus der Krise heraus einen Neuanfang zu gestalten. Dafür muss die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte schnell vorangetrieben werden und das Unternehmen selbst mehr Transparenz einführen. Die deutsche Automobilindustrie läuft Gefahr, den Anschluss an die Zukunft zu verpassen. Was in der Vergangenheit noch funktioniert hat, muss in der Zukunft nicht funktionieren. Auch wenn viele Fragen bei der Elektrifizierung der Mobilitätsbranche noch nicht gelöst sind, wird Deutschland bei diesem Thema sicherlich in Zukunft eine Führungsrolle spielen.

Auf öffentlichen Druck durch Transparenz setzt auch Arabesque mit seinem Tool S-Ray. Kann die Finanzwelt besser für Nachhaltigkeit und Transparenz sorgen als der Gesetzgeber?

Zunächst muss die Finanzwelt selbst aufholen. Lange war sie beim Thema Nachhaltigkeit weit hinter der Realwirtschaft. Als der UNGC 2004 im Bericht „Who Cares Wins“ der Finanzwelt den Terminus ESG näherbringen wollte, haben das nur wenige Finanzleute beachtet. Zwei Jahre später haben wir bei der UN die „Principles for Responsible Investments“ (PRI) gegründet. Das war ein erster Schritt, um der ESG-Integration einen Rahmen zu geben. Aber in der Realität hat sich da immer noch wenig getan. Die großen Asset-Owner hatten weiterhin das Ziel, möglichst viel Gewinn in möglichst kurzer Zeit zu erzielen. 


ARABESQUE

Vergleichbare Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen, dieauf einen Klick abrufbar sind: Das verspricht S-Ray, ein Onlinetool von Arabesque. Das Assetmanagementunternehmen setzt dabei auf Big Data und die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz. Gründer von Arabesque ist der frühere Deutschland-Chef der internationalen Großbank Barclays. Im Aufsichtsrat sitzen der Harvard-Professor und ESG-Spezialist (Environment, Social, Governance) Robert Eccles und Georg Kell. S-Ray wurde entwickelt, um große Mengen an ESG-Informationen in eine einfach zu bedienende, intelligente Anwendungen zu bringen. Die Technologie verarbeitet unzählige Datenpunkte, um Unternehmen auf drei Arten zu bewerten: Der „GC Score“ gibt eine normative Bewertung jedes Unternehmens auf Grundlage der Kernprinzipien des Global Compacts der Vereinten Nationen ab. Der „ESG Score“ bietet eine sektorspezifische Analyse der Leistungsfähigkeit jedes Unternehmens in Bezug auf ESG-Themen. Ein zusätzlicher „Preferences Filter“ dient als Suchwerkzeug, um Geschäftsbeteiligungen von Unternehmen mit den persönlichen Werten des Nutzers abzugleichen. 


Dann kam die Finanzkrise. War die ein Weckruf für die Finanzbranche und der Start für mehr Nachhaltigkeit?

Das war unsere Hoffnung, aber leider ist das nicht eingetreten. Stattdessen hat sich die Finanzwelt auf einen Grabenkrieg mit Regulatoren eingelassen. Erst vor zwei Jahren hat sich die Wahrnehmung geändert. Das war der Zeitpunkt, als Studien unter anderem von Arabesque und der University of Oxford, aber auch von der Deutschen Bank zum ersten Mal nachgewiesen haben, dass Unternehmen, die nachhaltiger agieren, im Durchschnitt auch finanziell besser dastehen.

Hat es nicht auch so lange gedauert, weil die Datengrundlage vorher noch nicht ausreichend war?

Sicherlich mussten die ESG-Daten erst einmal auf Unternehmensseite erhoben und auf Finanzseite ausgewertet werden. Inzwischen gibt es eine enorme Entwicklung der Datenverfügbarkeit. Jedes Jahr verdoppelt sich die Anzahl der Datenpunkte, und ihre Qualität wird immer besser. Natürlich ist die Datenwelt noch immer hoch fragmentiert und inkohärent, ihre Qualität variiert, und es gibt Datenlücken. Das ist für die Vergleichbarkeit schlecht. Aber es ist durchaus möglich, selbst mit diesen fragmentierten Daten gute Prognosen zu erstellen.

Es gab vor Arabesque schon Indizes wie den Dow Jones Sustainability Index oder Nachhaltigkeitsratingagenturen wie Sustainalytics und Oekom Research, die Daten produziert und verknüpft haben. Liegt der Unterschied darin, dass Sie die Daten anders verarbeiten?

Arabesque geht einen Schritt weiter und verbindet Big Data mit künstlicher Intelligenz. Wir filtern auf diese Weise, was relevant ist und was dupliziert ist. Mit Millionen von Rechenanläufen können die Algorithmen den Grad der Robustheit der Daten einschätzen und so eine stärkere Aussagekraft entwickeln. 

Dabei sind Sie aber auf die Rankings und Ratings von anderen angewiesen.

Natürlich sind die Daten der Rankings und Ratings für uns relevant. Wir gehen sogar davon aus, dass Nachhaltigkeitsratings in der gesamten Finanzwelt noch relevanter werden. Für Arabesque ist das wünschenswert. Wir sehen uns als Vorreiter, um Nachhaltigkeit im Mainstream zu etablieren.

Arabesque bezeichnet sich selbst als „Sustainability Quants“. Quants sind in der Finanzbranche diejenigen, die basierend auf mathematischen und statistischen Methoden Finanz- und Risikomanagement betreiben. Dieser Glaube an die Zahlen stößt bei vielen Akteuren in der Nachhaltigkeitswelt allerdings auf Unbehagen. Gibt es noch Berührungsängste oder Vorurteile, die abgebaut werden müssen?

Dieses Unbehagen ist für uns nicht neu. Aber wir nutzen für die Auswertung von Big Data regelbasierte Systeme, in die wir ESG-Informationen integrieren. Wir haben keine einzelnen Analysten, die „Stock-Picking“ (Anm. d. Red.: das gezielte Investieren in einzelne börsennotierte Unternehmen, um eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen) betreiben, weil sie heute das Gefühl haben, dass dieser oder jener Kurs hinauf oder hinunter geht. Wir verlassen uns lieber auf das rationale Verhalten der Algorithmen. 


"Es gibt keinen Ersatz für gute Politik. Die Privatwirtschaft kann und soll nicht die öffentliche Hand vertreten."
Georg Kell


Kaum macht die Finanzwelt sich auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit, ist die Politik unberechenbarer geworden. Hat die Finanzwelt schon genug gelernt, um die Politik in sicheres Fahrwasser zu bringen?

Es gibt keinen Ersatz für gute Politik. Die Privatwirtschaft kann und soll nicht die öffentliche Hand vertreten. Denn die öffentliche Hand ist dazu da, öffentliches Interesse zu vertreten, klare Regeln zu definieren und sich um öffentliche Güter zu kümmern. 

Das heißt aber nicht, dass die Privatwirtschaft nicht auch mehr tun kann und soll. Die gute Nachricht ist, dass viele Firmen beispielsweise in den USA jetzt erst recht in Klimaaktionen investieren und auf Menschenrechte achten. Die Privatwirtschaft kann also durchaus eine positive Rolle spielen. Kein anderer Akteur hat jedoch auch eine so große Verantwortung: Zum einen trägt die Industrie am stärksten zur CO2-Emission bei, und zum anderen hat sie selbst die größten Möglichkeiten, das zu ändern. Die Transformation des Mobilitätssektors ist dafür nur ein Beispiel.

 

 

 

 

Nachhaltigkeitsexperte Georg Kell: "Der Diesel wird noch gebraucht"

Handelsblatt, 24 August 2017

von Susanne Schier

Der Nachhaltigkeitsexperte und frühere Uno-Manager Georg Kell hält nichts davon, die gesamte Autoindustrie zu verdammen. Im Gespräch erklärt er, was für ihn als Investment tabu ist und was er gewissenhaften Anlegern rät.

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Frankfurt Georg Kell entschuldigt sich gleich zur Begrüßung, dass ihm möglicherweise nicht mehr alle deutschen Fachbegriffe einfallen werden. Er lebt seit vielen Jahren in den USA und hat dort während seiner Zeit bei den Vereinten Nationen seine Bestimmung gefunden: die Nachhaltigkeit. Inzwischen arbeitet er bei einer Abspaltung der britischen Bank Barclays, der Investmentfirma Arabesque Partners. Während des Gesprächs in den Frankfurter Büroräumen der Anlagegesellschaft springt er munter zwischen Deutsch und English hin und her.

Herr Kell, seit einiger Zeit scheint die Nachhaltigkeit in der Geldanlage immer wichtiger zu werden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Ich war lange frustriert, dass die Finanzwelt so zögerlich an das Thema Nachhaltigkeit herangegangen ist. Als wir bei den Vereinten Nationen im Jahr 2004 die ESG-Kritierien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung für die Kapitalanlage eingeführt haben, hat uns die Finanzindustrie kaum ernst genommen. Nach der Finanzkrise kämpfte die Branche nur gegen eine zu starke Regulierung. Erst langsam setzt ein Veränderungsprozess ein.

Wie kam es dann dazu, dass Sie nach Ihren Aufgaben bei der UNO zu Arabesque gegangen sind? Als der Gründer und Firmenchef Omar Selim vor zwei Jahren in meinem Büro in New York auftauchte, hielt ich das zunächst für einen Marketinggag. Doch das Konzept von Arabesque, Unternemen auf Basis der Analyse von Nachhaltigkeitsdaten als Investment auszuwählen, hat mich überzeugt.

Qualitativ hochwertige Daten zu bekommen ist doch sicher eine Herausforderung? Das stimmt. Die Daten werden aber immer besser. Das hängt im Wesentlichen mit drei Megatrends zusammen: Erstens führt die Digitalisierung zu einer Transparenz, die es für Firmen heute schwer macht, etwas zu verstecken. Zweitens kennen wir mittlerweile die Grenzen von natürlichen Ressourcen wie Wasser und Luft, wodurch Unternehmen eine höhere Verantwortung für die Umwelt übernehmen müssen. Und drittens verlieren etablierte Institutionen an Glaubwürdigkeit, Verbraucher nutzen Sozial-Media-Kanäle als Informationsquelle - Daten über Unternehmen gibt es also überall.

 

GEORG KELL - ZUR PERSON

Der Nachhaltigkeitsexperte

Georg Kell kam 2015 zu Arabesque Partner, seit Juli 2017 ist der 62-Jährige Verwaltungschef der deutsch-britischen Investmentfirma. Diese trifft Anlageentscheidungen mit Hilfe von Finanzdatenanalysen. Ausgewählt werden nur Firmen, die beim Umweltschutz, im Sozialen und bei der Unternehmensführung vorbildlich sind.

Der Gründungsdirektor

Sind Sie zufrieden, wie sich die Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit entwickeln? Nur wenige Firmen sind top. Dank der Datenanalyse können wir aber ganz gut einschätzen, welche Unternehmen bei Nachhaltigkeitkritierien relativ gesehen gut dastehen. Wer die zehn schwächsten Aktien aus dem Portfolio streicht, hat beste Chancen, dass die anderen Firmen ordentlicher arbeiten. Es ist nachgewiesen, dass die Unternehmen, die sich an ESG-Kritierien halten, langfristig einen größeren Finanzerfolg haben.

Haben Sie ein paar Tipps, welche Firmen oder Branchen bei der Nachhaltigkeit vorne stehen? Waffen, Tabak und Pornografie schließen wir aus. Ansonsten sind wir überzeugt, dass es in jeder Branche Unternehmen gibt, die einen Strukturwandel bewältigen können. Jeder Ölkonzern kann zur Windfirm werden. Statoil und Total etwa entwickeln sich sehr gut weiter. In fast allen Industrien haben die Unternehmen mehrere Sparten. Anleger sollten Firmen herausfiltern, die relativ stark auf der grünen und sozialen Schiene fahren.

Relativ stark bedeutet aber oft noch nicht gut. Trotzdem halte ich von Forderungen nichts, bestimmte Sparten sofort aufzugeben. Das funktioniert nicht, solange andere Länder oder Firmen die Lücke füllen können. Die deutschen Autohersteller brauchen beispielsweise eine schnelle Transformation hin zur Elektromobilität und anderen sauberen Antriebstechniken. Der Diesel wird aber noch eine Weile gebraucht werden.

Die Autokonzerne würden Sie also trotz Dieselskandals insbesondere bei VW, wo Sie im Nachhaltigkeitsbeirat sitzen, nicht aus dem Depot werfen? Zu Volkswagen kann ich nichts sagen. Aber die Industrie insgesamt würde ich nicht ausschließen. Auch hier sollten Anleger auf den relativ Besten schauen - wer die Transformation zu alternativen Antrieben am schnellsten schafft. Den Diesel unmittelbar zu verbannen wäre aber sozialpolitisch und technologisch gesehen Unsinn. Das würde Arbeitsplätze kosten, außerdem wollen die Menschen mobil bleiben. Anleger brauchen jedoch einen längerfristigen Anlagehorizont. Selbst der US-Elektropionier Tesla ist nicht im Massenmarkt angelangt.

Welche Länder zählen zu den Vorreitern? Deutschland steht solide da. Die Deutschen haben ein gutes Verhältnis zur Umwelt, auch auf politischer Ebene wird der Klimaschutz sehr ernst genommen. Hinzu kommt, dass der ehrbare Kaufmann im Mittelstand traditionell eine wichtige Rolle spielt. Daneben sind auch viele skandinavische Firmen stark auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Was halten Sie von den USA? Da kommen gemischte Gefühle auf. Es gibt extrem innovative Unternehmen wie Tesla, aber auch Firmen, die sich stark an der Vergangenheit orientieren - etwa die Kohleindustrie. Die Polarisierung durch die aktuelle US-Regierung führt zu gewissen Rückschritten bei Umwelt- und Klimaschutz. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass global integrierte Firmen nachträglicher sind als Unternehmen, die sich auf einen Markt konzentrieren.

Warum? In vielen Ländern halten sich aktive Unternehmen meist konzernweit an die Vorschriften des Landes mit den strengsten Auflagen.

Bislang haben vor allem institutionelle Investoren die Nachhaltigkeit für sich entdeckt. Wie sieht es bei Privatanlegern aus? Investoren wenden sich dem nachhaltigen Investieren immer stärker zu, weil sich die Überzeugung durchsetzt, dass man damit eine bessere Performance erzielen kann. Nicht nur deshalb gibt es eine große Nachfrage von privater Seite. Vor allem Family Offices aus den USA fordern, dass mit ihrem Geld etwas passiert, was Sinn macht. Diese Entwicklung wird weitergehen.

Herr Kell, vielen Dank für das Interview.

“착한 기업이 세상 바꾸며 번영 이어가”

Sisa Magazine, South Korea

게오르그 켈(Georg Kell) 전(前) 유엔 글로벌콤팩트 사무총장은 세계 최초로 ESG(환경·사회책임·기업지배구조) 퀀트펀드를 개발한 금융회사의 경영진으로 잘 알려졌지만, ‘지속가능 발전(Sustainable Development) 전도사’로 더 유명하다. 매번 세계은행 총재 물망에 오르고 있는 제프리 삭스 미 컬럼비아대 교수와 함께 전 세계를 돌며 지속가능 발전을 주문하고 있는 켈 전 사무총장은 “착한 기업이 세상을 바꾸며, 오랜 번영을 이어갈 수 있다”고 주장한다. 그가 만든 유엔 글로벌콤팩트는 기업·유엔 산하기구·시민단체들이 참여한 국제기구다. 반기문 전 유엔 사무총장도 재직 시절 이 단체 활동을 역점 사업으로 추진했다. 실제로 켈 전 사무총장은 세계적인 기업윤리연구소 ‘에티스피어(Ethisphere Institute)’에서 실시하는 ‘윤리경영계 가장 영향력 있는 100인’에 2011년부터 매년 뽑히고 있다. 퇴임 후 금융사 아라베스크 파트너스 부회장으로 자리를 옮긴 켈 전 사무총장은 시사저널과의 인터뷰에서 “좋은 기업(Good Company)이란 구성원·고객들의 만족도가 높은 기업을 의미하며, 이들 회사는 실제로도 많은 이익을 거두고 있다”고 강조했다.

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Nachhaltige Entwicklung: Die Wirtschaft hat eine wichtige Rolle

Commerzbank Magazin zur unternehmerischen Verantwortung 2017

Kapitel Nachhaltige Entwicklung, Seite 10/11: Interview Georg Kell

 

„Die Privatwirtschaft hat eine wichtige Rolle“

Mit den 2016 beschlossenen Sustainable Development Goals (SDGs) wollen die Vereinten Nationen neuen Schwung in die internationalen Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung bringen. Nachhaltigkeitsexperte Georg Kell erklärt im Interview, wie der Beitrag der Finanzwirtschaft zu den SDGs aussehen kann.

Die Sustainable Development Goals wenden sich in erster Linie an Staaten, weniger an Unternehmen. Was kann die Wirtschaft dazu beitragen, dass die SDGs umgesetzt werden?

Georg Kell: Natürlich muss sich die Staatengemeinschaft über die großen Ziele einig sein, aber die Privatwirtschaft war von Anfang an eine treibende Kraft bei der Entwicklung der SDGs. Schließlich geht es um Grundwerte wie Offenheit und Respekt und wie auf dieser Basis Handel, Investitionen und der freie Informationsaustausch ermöglicht werden können. Angesichts einiger dunkler politischer Wolken am Horizont haben Unternehmen jetzt sogar eine besonders wichtige Rolle. Wir brauchen Regelwerke, mit denen Märkte gedeihen können, ob das nun den Klimawandel betrifft oder die Wassernutzung – überall sind die SDGs ein Motivationsfaktor für die gemeinsame Suche nach Lösungen.

Wie sehen Sie die Rolle und die Verantwortung der Finanzwirtschaft?

Kell: Nach Jahren der Skepsis kann man seit zwei, drei Jahren sehen, dass die Finanzwelt bewusster mit dem Thema Nachhaltigkeit umgeht. Einige Finanzunternehmen sind sogar auf die Überholspur gewechselt oder sind dabei, dies zu tun. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren Themen der Nachhaltigkeit aus Sicht von Banken sehr abstrakt und eher moralisch motiviert. Jetzt aber, wo Nachhaltigkeitsinformationen immer besser quantifizierbar sind, erkennt die Finanzwelt zunehmend, dass Nachhaltigkeit durchaus ein wichtiges Thema mit Wachstums-Opportunitäten ist. Die Messbarkeit von nichtfinanziellen Größen in der Bewertung von Chancen und Risiken kann diese Bewegung jetzt kräftig voranbringen. So können Kapitalströme immer mehr in jene Bereiche geleitet werden, die der Nachhaltigkeit nützen.

Was hat diese Bewegung ausgelöst?

Ich erkenne drei große Megatrends. Der erste ist Information und Transparenz, mit denen wir heute, zum Beispiel im Bereich Wasserwirtschaft, den wirtschaftlichen Nutzen von nachhaltigem Verhalten nachweisen können. Der zweite ist, dass sich die gesellschaftlichen Einstellungen zur Nutzung natürlicher Ressourcen in den letzten zehn bis 15 Jahren dramatisch verändert haben. Öffentliche Güter wie Luft und Wasser werden heute als wertvoll erkannt. Der Zusammenhang von sauberem Wasser und Luftqualität mit Themen der Gesundheit und Lebensqualität wird immer offensichtlicher. Drittens geht es auch um die Veränderungen, denen viele Märkte und Gesellschaften unterliegen. Konsumenten verändern sich und fordern mehr Kundennähe und Entscheidungsmöglichkeiten für Individuen. Dabei geht es auch um Fragen der Nachhaltigkeit, weil sie dem Lebensgefühl und der Wertschätzung vieler Menschen entgegenkommen.

Welche der 17 SDGs sind für die Finanzwelt besonders relevant?

Kell: Große Themen für die Finanzbranche sind insbesondere Energie, Städte, Infrastruktur, Klimawandel. Hier geschieht schon viel, aber hier wird auch weiterhin viel Finanzierungsbedarf bestehen, um neue Lösungen anzuwenden.

Können die Ziele nicht auch in den Unternehmen selbst umgesetzt werden?

Kell: Absolut. Die SDGs stellen zunächst einmal eine gemeinsame Roadmap dar, eine Blaupause für die positive Entwicklung der Menschheit. Viele Ziele eignen sich sehr gut für die firmeninterne Ebene. Das sollten sich Unternehmen ganz genau anschauen und dann die Ziele identifizieren, mit denen ein Unternehmen die größte Wirkung erzielen kann oder die gut zum Geschäftsmodell passen. Bildung oder Geschlechtergleichstellung sind zum Beispiel wichtige Themen, bei denen sich jedes Unternehmen verbessern kann.

Sehen Sie bestimmte bankenspezifische Instrumente, um Nachhaltigkeitsziele voranzutreiben?

Kell: Ich glaube, es gibt zwei große Trends auf diesem Gebiet. Der eine ist eine thematische Orientierung, konkret: die Impact-Investment-Bewegung. Hier müssen Kredite oder Investments einen nachweislichen sozialen oder ökologischen Nutzen haben. In diesem Bereich tut sich im Moment sehr viel. Der andere ist die systematische Integration von Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien in alle Investitionsentscheidungen eines Finanzinstituts. Diese Integrationsbewegung ist schon sehr weit vorangeschritten und steht meines Erachtens kurz vor dem Durchbruch. Und beide Bewegungen sind komplementär. Die erste ist projekt- oder themenspezifisch, die zweite ist systemisch und zielt darauf ab, Märkte insgesamt positiv zu beeinflussen.

Wie beurteilen Sie die Leistung deutscher Unternehmen?

Kell: Die eigentliche Stärke Deutschlands, was Nachhaltigkeitsfragen betrifft, liegt im Ingenieurswesen. Das ist eine nationalökonomische Stärke im globalen Wettbewerb, die Deutschland mit seinen vielen mittelständischen Betrieben auch auszunutzen weiß. Viele davon haben durchaus verstanden, dass Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsvorteil ist. Trends in der Wirtschaft, wie die Kreislaufwirtschaft oder die zunehmende Dezentralisierung der Energieversorgung, sind phänomenal. Diese Stärken kann auch die Finanzwelt unterstützen. Ich sehe darin eine große Gelegenheit, wieder Vertrauen aufzubauen und wirtschaftlich Fuß zu fassen. Dabei sollte man sich auf die ursprünglichen Stärken zurückbesinnen, denn der Standort Deutschland ist goldrichtig aufgestellt.

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Georg Kell war Mitgründer und von 2000 bis 2014 Exekutivdirektor des Global Compact, dem Unternehmensnetzwerk der Vereinten Nationen. Seit Anfang 2015 ist er Vice Chairman der deutsch-britischen Investmentgesellschaft Arabesque Partners, die sich mit einem eigenen Research-Ansatz auf nachhaltiges Investment spezialisiert hat.

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