Nachhaltigkeitsexperte Georg Kell: "Der Diesel wird noch gebraucht"

Handelsblatt, 24 August 2017

von Susanne Schier

Der Nachhaltigkeitsexperte und frühere Uno-Manager Georg Kell hält nichts davon, die gesamte Autoindustrie zu verdammen. Im Gespräch erklärt er, was für ihn als Investment tabu ist und was er gewissenhaften Anlegern rät.

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Frankfurt Georg Kell entschuldigt sich gleich zur Begrüßung, dass ihm möglicherweise nicht mehr alle deutschen Fachbegriffe einfallen werden. Er lebt seit vielen Jahren in den USA und hat dort während seiner Zeit bei den Vereinten Nationen seine Bestimmung gefunden: die Nachhaltigkeit. Inzwischen arbeitet er bei einer Abspaltung der britischen Bank Barclays, der Investmentfirma Arabesque Partners. Während des Gesprächs in den Frankfurter Büroräumen der Anlagegesellschaft springt er munter zwischen Deutsch und English hin und her.

Herr Kell, seit einiger Zeit scheint die Nachhaltigkeit in der Geldanlage immer wichtiger zu werden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Ich war lange frustriert, dass die Finanzwelt so zögerlich an das Thema Nachhaltigkeit herangegangen ist. Als wir bei den Vereinten Nationen im Jahr 2004 die ESG-Kritierien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung für die Kapitalanlage eingeführt haben, hat uns die Finanzindustrie kaum ernst genommen. Nach der Finanzkrise kämpfte die Branche nur gegen eine zu starke Regulierung. Erst langsam setzt ein Veränderungsprozess ein.

Wie kam es dann dazu, dass Sie nach Ihren Aufgaben bei der UNO zu Arabesque gegangen sind? Als der Gründer und Firmenchef Omar Selim vor zwei Jahren in meinem Büro in New York auftauchte, hielt ich das zunächst für einen Marketinggag. Doch das Konzept von Arabesque, Unternemen auf Basis der Analyse von Nachhaltigkeitsdaten als Investment auszuwählen, hat mich überzeugt.

Qualitativ hochwertige Daten zu bekommen ist doch sicher eine Herausforderung? Das stimmt. Die Daten werden aber immer besser. Das hängt im Wesentlichen mit drei Megatrends zusammen: Erstens führt die Digitalisierung zu einer Transparenz, die es für Firmen heute schwer macht, etwas zu verstecken. Zweitens kennen wir mittlerweile die Grenzen von natürlichen Ressourcen wie Wasser und Luft, wodurch Unternehmen eine höhere Verantwortung für die Umwelt übernehmen müssen. Und drittens verlieren etablierte Institutionen an Glaubwürdigkeit, Verbraucher nutzen Sozial-Media-Kanäle als Informationsquelle - Daten über Unternehmen gibt es also überall.

 

GEORG KELL - ZUR PERSON

Der Nachhaltigkeitsexperte

Georg Kell kam 2015 zu Arabesque Partner, seit Juli 2017 ist der 62-Jährige Verwaltungschef der deutsch-britischen Investmentfirma. Diese trifft Anlageentscheidungen mit Hilfe von Finanzdatenanalysen. Ausgewählt werden nur Firmen, die beim Umweltschutz, im Sozialen und bei der Unternehmensführung vorbildlich sind.

Der Gründungsdirektor

Sind Sie zufrieden, wie sich die Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit entwickeln? Nur wenige Firmen sind top. Dank der Datenanalyse können wir aber ganz gut einschätzen, welche Unternehmen bei Nachhaltigkeitkritierien relativ gesehen gut dastehen. Wer die zehn schwächsten Aktien aus dem Portfolio streicht, hat beste Chancen, dass die anderen Firmen ordentlicher arbeiten. Es ist nachgewiesen, dass die Unternehmen, die sich an ESG-Kritierien halten, langfristig einen größeren Finanzerfolg haben.

Haben Sie ein paar Tipps, welche Firmen oder Branchen bei der Nachhaltigkeit vorne stehen? Waffen, Tabak und Pornografie schließen wir aus. Ansonsten sind wir überzeugt, dass es in jeder Branche Unternehmen gibt, die einen Strukturwandel bewältigen können. Jeder Ölkonzern kann zur Windfirm werden. Statoil und Total etwa entwickeln sich sehr gut weiter. In fast allen Industrien haben die Unternehmen mehrere Sparten. Anleger sollten Firmen herausfiltern, die relativ stark auf der grünen und sozialen Schiene fahren.

Relativ stark bedeutet aber oft noch nicht gut. Trotzdem halte ich von Forderungen nichts, bestimmte Sparten sofort aufzugeben. Das funktioniert nicht, solange andere Länder oder Firmen die Lücke füllen können. Die deutschen Autohersteller brauchen beispielsweise eine schnelle Transformation hin zur Elektromobilität und anderen sauberen Antriebstechniken. Der Diesel wird aber noch eine Weile gebraucht werden.

Die Autokonzerne würden Sie also trotz Dieselskandals insbesondere bei VW, wo Sie im Nachhaltigkeitsbeirat sitzen, nicht aus dem Depot werfen? Zu Volkswagen kann ich nichts sagen. Aber die Industrie insgesamt würde ich nicht ausschließen. Auch hier sollten Anleger auf den relativ Besten schauen - wer die Transformation zu alternativen Antrieben am schnellsten schafft. Den Diesel unmittelbar zu verbannen wäre aber sozialpolitisch und technologisch gesehen Unsinn. Das würde Arbeitsplätze kosten, außerdem wollen die Menschen mobil bleiben. Anleger brauchen jedoch einen längerfristigen Anlagehorizont. Selbst der US-Elektropionier Tesla ist nicht im Massenmarkt angelangt.

Welche Länder zählen zu den Vorreitern? Deutschland steht solide da. Die Deutschen haben ein gutes Verhältnis zur Umwelt, auch auf politischer Ebene wird der Klimaschutz sehr ernst genommen. Hinzu kommt, dass der ehrbare Kaufmann im Mittelstand traditionell eine wichtige Rolle spielt. Daneben sind auch viele skandinavische Firmen stark auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Was halten Sie von den USA? Da kommen gemischte Gefühle auf. Es gibt extrem innovative Unternehmen wie Tesla, aber auch Firmen, die sich stark an der Vergangenheit orientieren - etwa die Kohleindustrie. Die Polarisierung durch die aktuelle US-Regierung führt zu gewissen Rückschritten bei Umwelt- und Klimaschutz. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass global integrierte Firmen nachträglicher sind als Unternehmen, die sich auf einen Markt konzentrieren.

Warum? In vielen Ländern halten sich aktive Unternehmen meist konzernweit an die Vorschriften des Landes mit den strengsten Auflagen.

Bislang haben vor allem institutionelle Investoren die Nachhaltigkeit für sich entdeckt. Wie sieht es bei Privatanlegern aus? Investoren wenden sich dem nachhaltigen Investieren immer stärker zu, weil sich die Überzeugung durchsetzt, dass man damit eine bessere Performance erzielen kann. Nicht nur deshalb gibt es eine große Nachfrage von privater Seite. Vor allem Family Offices aus den USA fordern, dass mit ihrem Geld etwas passiert, was Sinn macht. Diese Entwicklung wird weitergehen.

Herr Kell, vielen Dank für das Interview.