Georg Kell: „Die Finanzwelt muss weiter aufholen”

Kai Baum für Verantwortung-magazin.de

Bildquelle: thinkstock-iStock-Zapp2Photo

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MIT BIG DATA UND KÜNSTLICHER INTELLIGENZ MÖCHTE EIN PIONIER DER NACHHALTIGKEITSWELT DEN FINANZSEKTOR REVOLUTIONIEREN

Als Gründer des Global Compacts hat sich Georg Kell an der Finanzbranche lange die Zähne ausgebissen. Was sein Seitenwechsel mit der Datenrevolution zu tun hat, erklärt der Chairman of the Board von Arabesque und Sprecher des Nachhaltigkeitsbeirats von VW im exklusiven VERANTWORTUNG-Interview.

ZUR PERSON:

Georg Kell hat für die Vereinten Nationen das Unternehmensnetzwerk Global Compact (UNGC) aufgebaut. Mit der Teilnahme am UNGC erklärt ein Unternehmen seinen Willen, sich darum zu bemühen, in Zukunft bestimmte soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten. Dazu hat der UNGC seine Grundsätze in zehn Prinzipien gefasst. 2015 erklärte Kell nach 25 Jahren seinen Rückzug aus dem UNGC und schloss sich dem Assetmanagementunternehmen Arabesque an, dessen Chairman of the Board er seit diesem Sommer ist. Kell ist zudem Sprecher des internationalen Nachhaltigkeitsbeirats von Volkswagen (VW), den der Automobilhersteller ein Jahr nach Bekanntwerden des Dieselskandals initiierte.

Herr Kell, den UNGC aufzubauen war im vergangenen Jahrzehnt sicherlich eine der reizvollsten Aufgaben in der Nachhaltigkeitswelt. Welche Ihrer beiden aktuellen Aufgaben ist reizvoller, nachhaltiger Vermögensverwalter oder oberster Nachhaltigkeitsaufseher eines angeschlagenen Weltkonzerns?

Das kann man so nicht gegeneinander aufwiegen. Arabesque ist als nachhaltiger Investor für mich der große Beschleuniger für nachhaltiges Unternehmertum. Die Zukunft der Nachhaltigkeitsbewegung wird ganz maßgeblich davon abhängen, wie sehr die Finanzwelt die Bemühungen der Unternehmen erkennt und honoriert. Ich bin ziemlich optimistisch, dass es durch die Quantifizierung nichtfinanzieller Kennzahlen in den Bereichen Environment, Social und Governance (ESG) immer besser gelingt, den Nachhaltigkeitsansatz im Portfolio zu berücksichtigen. 

Bildquelle: Arabesque

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VW-NACHHALTIGKEITSBEIRAT

Der Volkswagenkonzern hat im September 2016 einen internationalen Nachhaltigkeitsbeirat berufen. Die neun Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft beraten die Volkswagen AG, den Konzernvorstand und die Konzernmarken bei den Themen nachhaltige Mobilität, Umweltschutz, gesellschaftliche Verantwortung sowie Integrität, Zukunft der Arbeit und Digitalisierung. Sie sollen unabhängig agieren, sind nicht weisungsgebunden und mit weitgehenden Informations-, Konsultations- und Initiativrechten ausgestattet. In der konstituierenden Sitzung im Oktober 2016 wurde Georg Kell zum Sprecher ernannt. Die weiteren Mitglieder sind Professor Ottmar Edenhofer, stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Connie Hedegaard, ehemalige EU-Kommissarin für Klimaschutz, Designforscherin Gesche Joost, Professorin an der Universität der Künste in Berlin, Yves Leterme, ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der OECD und ehemaliger Premierminister von Belgien, Professorin Gertrude Lübbe-Wolff, ehemalige Richterin am Bundesverfassungsgericht, Margo T. Oge, ehemalige Direktorin Transportation Air Quality, US Environmental Protection Agency (EPA), Michael Sommer, ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), und Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Rotkreuz-Rothalbmond-Föderation (IFRC). 


Ganz so positiv steht VW nicht da. Die Wolfsburger haben im Dieselskandal viel Geld und Ansehen verloren. Der UNGC hat den öffentlichen Druck ebenfalls erhöht, indem er VW früh nach Bekanntwerden des Skandals ausgelistet hat. Wann kommt es zu einem Ausschluss?

Der UNGC ist eine Lernplattform, die Unternehmen dabei unterstützen soll, ihre nachhaltige Unternehmensführung zu verbessern. Wenn Firmen jedoch grobe Nachlässigkeit oder Fehlverhalten an den Tag legen, liegt die Mitgliedschaft auf Eis, bis der Sachverhalt vollständig aufgeklärt ist. Es war also ein Standardprozess, VW nach Bekanntwerden der Vorfälle auszuschließen. Aus Krisen wie jetzt bei VW geht immer entweder Asche und Zerstörung oder eine völlige Verjüngung und Erneuerung hervor. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Firmen lernen auf zweierlei Weise: Entweder sie tun es graduell durch Vernunft in kleinen Schritten, oder sie lernen in Krisensituationen, in denen sie die Richtung wechseln und einen echten Neuanfang machen.

Wie bewerten Sie denn den Erneuerungswillen bei VW im Speziellen und in der deutschen Automobilindustrie im Allgemeinen?

Es steht außer Frage, dass der Erneuerungsprozess jetzt beschleunigt werden muss. Im Fall Volkswagen besteht ganz klar die Notwendigkeit, aus der Krise heraus einen Neuanfang zu gestalten. Dafür muss die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte schnell vorangetrieben werden und das Unternehmen selbst mehr Transparenz einführen. Die deutsche Automobilindustrie läuft Gefahr, den Anschluss an die Zukunft zu verpassen. Was in der Vergangenheit noch funktioniert hat, muss in der Zukunft nicht funktionieren. Auch wenn viele Fragen bei der Elektrifizierung der Mobilitätsbranche noch nicht gelöst sind, wird Deutschland bei diesem Thema sicherlich in Zukunft eine Führungsrolle spielen.

Auf öffentlichen Druck durch Transparenz setzt auch Arabesque mit seinem Tool S-Ray. Kann die Finanzwelt besser für Nachhaltigkeit und Transparenz sorgen als der Gesetzgeber?

Zunächst muss die Finanzwelt selbst aufholen. Lange war sie beim Thema Nachhaltigkeit weit hinter der Realwirtschaft. Als der UNGC 2004 im Bericht „Who Cares Wins“ der Finanzwelt den Terminus ESG näherbringen wollte, haben das nur wenige Finanzleute beachtet. Zwei Jahre später haben wir bei der UN die „Principles for Responsible Investments“ (PRI) gegründet. Das war ein erster Schritt, um der ESG-Integration einen Rahmen zu geben. Aber in der Realität hat sich da immer noch wenig getan. Die großen Asset-Owner hatten weiterhin das Ziel, möglichst viel Gewinn in möglichst kurzer Zeit zu erzielen. 


ARABESQUE

Vergleichbare Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen, dieauf einen Klick abrufbar sind: Das verspricht S-Ray, ein Onlinetool von Arabesque. Das Assetmanagementunternehmen setzt dabei auf Big Data und die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz. Gründer von Arabesque ist der frühere Deutschland-Chef der internationalen Großbank Barclays. Im Aufsichtsrat sitzen der Harvard-Professor und ESG-Spezialist (Environment, Social, Governance) Robert Eccles und Georg Kell. S-Ray wurde entwickelt, um große Mengen an ESG-Informationen in eine einfach zu bedienende, intelligente Anwendungen zu bringen. Die Technologie verarbeitet unzählige Datenpunkte, um Unternehmen auf drei Arten zu bewerten: Der „GC Score“ gibt eine normative Bewertung jedes Unternehmens auf Grundlage der Kernprinzipien des Global Compacts der Vereinten Nationen ab. Der „ESG Score“ bietet eine sektorspezifische Analyse der Leistungsfähigkeit jedes Unternehmens in Bezug auf ESG-Themen. Ein zusätzlicher „Preferences Filter“ dient als Suchwerkzeug, um Geschäftsbeteiligungen von Unternehmen mit den persönlichen Werten des Nutzers abzugleichen. 


Dann kam die Finanzkrise. War die ein Weckruf für die Finanzbranche und der Start für mehr Nachhaltigkeit?

Das war unsere Hoffnung, aber leider ist das nicht eingetreten. Stattdessen hat sich die Finanzwelt auf einen Grabenkrieg mit Regulatoren eingelassen. Erst vor zwei Jahren hat sich die Wahrnehmung geändert. Das war der Zeitpunkt, als Studien unter anderem von Arabesque und der University of Oxford, aber auch von der Deutschen Bank zum ersten Mal nachgewiesen haben, dass Unternehmen, die nachhaltiger agieren, im Durchschnitt auch finanziell besser dastehen.

Hat es nicht auch so lange gedauert, weil die Datengrundlage vorher noch nicht ausreichend war?

Sicherlich mussten die ESG-Daten erst einmal auf Unternehmensseite erhoben und auf Finanzseite ausgewertet werden. Inzwischen gibt es eine enorme Entwicklung der Datenverfügbarkeit. Jedes Jahr verdoppelt sich die Anzahl der Datenpunkte, und ihre Qualität wird immer besser. Natürlich ist die Datenwelt noch immer hoch fragmentiert und inkohärent, ihre Qualität variiert, und es gibt Datenlücken. Das ist für die Vergleichbarkeit schlecht. Aber es ist durchaus möglich, selbst mit diesen fragmentierten Daten gute Prognosen zu erstellen.

Es gab vor Arabesque schon Indizes wie den Dow Jones Sustainability Index oder Nachhaltigkeitsratingagenturen wie Sustainalytics und Oekom Research, die Daten produziert und verknüpft haben. Liegt der Unterschied darin, dass Sie die Daten anders verarbeiten?

Arabesque geht einen Schritt weiter und verbindet Big Data mit künstlicher Intelligenz. Wir filtern auf diese Weise, was relevant ist und was dupliziert ist. Mit Millionen von Rechenanläufen können die Algorithmen den Grad der Robustheit der Daten einschätzen und so eine stärkere Aussagekraft entwickeln. 

Dabei sind Sie aber auf die Rankings und Ratings von anderen angewiesen.

Natürlich sind die Daten der Rankings und Ratings für uns relevant. Wir gehen sogar davon aus, dass Nachhaltigkeitsratings in der gesamten Finanzwelt noch relevanter werden. Für Arabesque ist das wünschenswert. Wir sehen uns als Vorreiter, um Nachhaltigkeit im Mainstream zu etablieren.

Arabesque bezeichnet sich selbst als „Sustainability Quants“. Quants sind in der Finanzbranche diejenigen, die basierend auf mathematischen und statistischen Methoden Finanz- und Risikomanagement betreiben. Dieser Glaube an die Zahlen stößt bei vielen Akteuren in der Nachhaltigkeitswelt allerdings auf Unbehagen. Gibt es noch Berührungsängste oder Vorurteile, die abgebaut werden müssen?

Dieses Unbehagen ist für uns nicht neu. Aber wir nutzen für die Auswertung von Big Data regelbasierte Systeme, in die wir ESG-Informationen integrieren. Wir haben keine einzelnen Analysten, die „Stock-Picking“ (Anm. d. Red.: das gezielte Investieren in einzelne börsennotierte Unternehmen, um eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen) betreiben, weil sie heute das Gefühl haben, dass dieser oder jener Kurs hinauf oder hinunter geht. Wir verlassen uns lieber auf das rationale Verhalten der Algorithmen. 


"Es gibt keinen Ersatz für gute Politik. Die Privatwirtschaft kann und soll nicht die öffentliche Hand vertreten."
Georg Kell


Kaum macht die Finanzwelt sich auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit, ist die Politik unberechenbarer geworden. Hat die Finanzwelt schon genug gelernt, um die Politik in sicheres Fahrwasser zu bringen?

Es gibt keinen Ersatz für gute Politik. Die Privatwirtschaft kann und soll nicht die öffentliche Hand vertreten. Denn die öffentliche Hand ist dazu da, öffentliches Interesse zu vertreten, klare Regeln zu definieren und sich um öffentliche Güter zu kümmern. 

Das heißt aber nicht, dass die Privatwirtschaft nicht auch mehr tun kann und soll. Die gute Nachricht ist, dass viele Firmen beispielsweise in den USA jetzt erst recht in Klimaaktionen investieren und auf Menschenrechte achten. Die Privatwirtschaft kann also durchaus eine positive Rolle spielen. Kein anderer Akteur hat jedoch auch eine so große Verantwortung: Zum einen trägt die Industrie am stärksten zur CO2-Emission bei, und zum anderen hat sie selbst die größten Möglichkeiten, das zu ändern. Die Transformation des Mobilitätssektors ist dafür nur ein Beispiel.